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Gedenkfeier 75 Jahre Pogromnacht

Fotos: Nadine Weigel, OP Marburg

Anlässlich der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht (10.11.2013), des Tages, an dem auch hier in Marburg die Synagoge brannte, hielt Selina Hinkelmann aus dem Jahrgang 13 unserer Schule die unten abgedruckte Rede. Hierin thematisiert sie u.a. den Entstehungsprozess der aktuellen Zitate im "Garten des Gedenkens" in der Universitätsstraße, dem Ort, an dem die alte Marburger Synagoge stand. 

An der Findung und Auswahl der Zitate waren 8 Schülerinnen der Jahrgangsstufe 10 und 12/13 im Rahmen einer AG beteiligt, die von Frau Theiß und Frau Soltendieck-Plenge angeboten wurde.


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kahle, sehr geehrter Herr Orbach, meine sehr geehrten Damen und Herren,

seit Anfang des Schuljahres haben wir, 8 Schülerinnen der Elisabethschule, uns mit dem Projekt der Neugestaltung der Zettelkästen im Garten des Gedenkens beschäftigt.

Unsere Lehrerinnen Frau Soltendieck-Plenge und Frau Theiß haben uns dazu angeregt und in diesem Projekt in Kooperation mit den künstlerischen Gestaltern Herr Ahlborn und Herr Gather begleitet.

Während der Wochen des Projektes haben wir verschiedene Stationen durchlaufen, die uns mit dem Thema vertrauter machten. Zunächst bekamen wir eine Einführung hier im Garten des Gedenkens, welche uns auf das Projekt vorbereiten sollte. Dies ist der Ort, wo vor genau 75 Jahren die Synagoge in Brand gesteckt wurde und in Flammen aufging, was jedoch, gemäß dem neuen Buch von Raphael Gross, nur "die Katastrophe vor der Katastrophe" war.

Sichtbar wurde diese zweite Katastrophe dann für uns während unseres Stolpersteinspaziergangs durch Marburg, bei dem wir die Geschichten der dort erinnerten Personen kennenlernten.

Unter anderem gedachten wir der ehemaligen Elisabethschülerin Marion Reis. Im Alter von 13 Jahren teilte man ihr mit, dass sie ab sofort die Elisabethschule nicht mehr besuchen dürfe. 4 Jahre später, mit 17, wurde sie deportiert und ist dann in Auschwitz umgekommen.

Von Frau Rumpf erhielten wir eine Führung über den Jüdischen Friedhof. Hierbei ist uns aufgefallen, dass ab einem gewissen Zeitpunkt keine Grabsteine mehr vorhanden sind, sondern nur noch Erinnerungssteine, wie z.B. der von Leopold Lucas.

Der Rabbiner, Historiker und berühmte jüdische Gelehrte wurde im Dezember 1942 zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert und ist dort auch umgekommen. Er ist Namensgeber der Straße, in der sich auch unsere Schule befindet. Das war keinem von uns bis zu diesem Zeitpunkt wirklich klar.

Unsere verschiedenen Lernstationen zeigten uns, dass jüdisches Leben in Marburg eine lange und reiche Tradition hatte, welche durch die NS- Diktatur auf schreckliche Weise zerstört wurde.

Während der Arbeitsphase, und auch darüber hinaus, tauschten wir uns über das Erfahrene und unsere Eindrücke aus. Hierbei wurde ein immer klareres Bild der unterschiedlichen Auseinandersetzung unserer Generation mit dem Holocaust deutlich.

Durch die Interviews kam ein breites Spektrum von Meinungen in unserer Generation zum Vorschein. Aus den schriftlich fixierten Ergebnissen von Texten, Interviews und Gesprächen mit Mitschülern, wählten wir dann die Zitate für die Zettelkästen aus.

Exemplarisch möchte ich auf drei Zitate kurz eingehen.

Das erste lautet:

‚Es ist wichtig, was passiert ist, aber man muss nicht ständig darüber reden, da jeder weiß, was passiert ist.’

Aus dieser Aussage lernen wir, dass durchaus eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust stattfindet, jedoch müssen wir ein gutes Maß finden in dem wir das Thema behandeln, um das Interesse vor allem bei Jugendlichen wach zu halten.

Eine andere Schülerin sagte:

‚Du gehst durch die Stadt und siehst dieses Gebäude und stellst dir vor, wie dieses Haus in der Nacht auseinandergenommen wurde.’

Dieses Zitat drückt nicht nur aus, wie ein Haus jüdischer Mitbewohner - oder auch die Synagoge selbst - buchstäblich auseinander genommen wurde, sondern auch und besonders wie das Leben der Menschen, die dort wohnten, komplett zerstört wurde. Die erschreckende Rechtlosigkeit, in die Menschen damals getrieben wurden, wird hierbei besonders deutlich. Von einem Tag auf den anderen wurde das Leben in Deutschland auf den Kopf gestellt. Ohne Grund standen Häuser leer, die Nachbarn waren verschwunden, die Besitztümer geraubt. Dies war aber - wie wir heute wissen - nur der Anfang der schrecklichen Zeit, die unser Land danach noch erleben sollte.

Das Zitat eines weiteren Schülers lautet:

‚Ohne diese dunkle Vergangenheit wäre Deutschland nicht das, was es ist - und ich somit vermutlich auch nicht wie ich heute bin.’

Dies ist eine Aussage, die mich durchaus zum Nachdenken anregte. Was lernen wir jedoch daraus? Unsere Vergangenheit hat uns geprägt und tut es immer noch. Ist sie auch noch so schrecklich, müssen wir lernen, damit umzugehen. Wir als junge Deutsche können nicht so tun, als hätte es den Holocaust nie gegeben, er gehört in unsere kollektive Geschichte.

Aus der Gegenwart lernen wir, dass Toleranz und Akzeptanz zwar einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft besitzen, Fremdenfeindlichkeit aber immer noch Thema in Deutschland ist.

Untergrundorganisationen wie der NSU waren und sind immer noch ein ernstzunehmendes Problem. Leider gibt es auch immer noch genug Personen, die sich rechtsgesinnten politischen Gruppen anschließen.

Diktaturen hat es auch noch nach dem Ende des sogenannten Dritten Reiches gegeben und es gibt noch immer Länder, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass wir aus den Fehlern unserer Vorfahren gelernt haben, sollten wir uns doch trotzdem immer wieder vor Augen führen, was damals passiert ist, um genau dem entgegenzutreten.

Doch auch Hoffnungsbilder sind glücklicherweise ein Teil unseres Alltags. So sahen wir z.B. nach unserem Stolpersteinspaziergang ein Pärchen, das mit seinem Kind auf dem Friedrichplatz spielte. Die Frau war schwarz, der Mann weiß und eine von uns sagte:

‚Sowas wäre damals unvorstellbar gewesen. Wie schön, dass es heute eigentlich normal ist.'

Besonders hier wurde uns auch klar, wie sehr sich Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verändert hat. Darüber können wir glücklich sein.

Ich bin dankbar, dass die Aufarbeitung des Holocaust seit Jahren ein wichtiges Thema darstellt, und dass dieses schreckliche Kapitel in der Schule immer wieder thematisiert wird.

So begehen wir z.B. jedes Jahr am Holocaustgedenktag, dem 27. Januar, eine Gedenkfeier für die vielen Elisabethschülerinnen und eine Lehrerin, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Diese wird jedes Jahr durch Herrn Orbach, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Marburgs begleitet, der dann das Gebet für die Märtyrer der Shoa (das El Male Rachamim) vorträgt. Das Andenken an unsere ehemaligen jüdischen Mitschülerinnen wird dadurch in unserer Schulgemeinde wachgehalten.

Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, wie wichtig es ist, dass wir alle Menschen akzeptieren, ganz egal welcher Herkunft sie sind, welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören. Am Ende des Tages verfolgen wir doch alle das selbe Ziel, nämlich ein glückliches und würdevolles Leben führen zu können.

Der wichtigste Punkt sollte und darf jedoch nicht vergessen werden.

Die Opfer verdienen es, dass man ihrer gedenkt. Als die erste Generation, die keine unmittelbare Verbindung mehr zu den Menschen besitzt, die den Holocaust erlebt haben, sind wir schon zeitlich weit von den Geschehnissen entfernt.

Wir sind auch nicht schuld an dem was passiert ist, die Opfer waren aber genauso unschuldig und verdienen es, nicht vergessen zu werden.

Aus genau diesem Grund haben wir uns auch alle heute hier versammelt.

Mit den neugestalteten Zettelkästen möchten wir den Opfern erneut zeigen, dass wir immer noch an sie denken. Und mit jeder Erneuerung der Zitate wollen wir ihnen erneut diese Ehre erweisen.