Bootshaus

10.10.2007

Der Boots-Park der Elisabethschule

Von Rüdiger Götzky

Das Bootshaus der Elisabethschule in Wehrda ist ja bekanntlich im Besitz des Vereins der Ehemaligen und Freunde der Elisabethschule. Dieser Verein musste gegründet werden, da die Schule selbst kein Bootshaus erwerben durfte. Studienrätin Maria Först war die Initiatorin und Mitbegründerin des Vereins, der 1929 ins Leben gerufen wurde (siehe Bericht von Frau Mehnert über den Vortrag von Frau Först "Wie wir zu unserem Bootshaus gekommen sind"). Zur selben Zeit wurden auch die ersten Boote angeschafft. Es waren durchweg A-Boote, d.h. geklinkerte Holzboote, wie die beiden Vierer mit Steuermann HESSENLAND ('28) und DEUTSCHLAND ('29). Hinzu kamen die beiden Zweier m. Stm. MEISSNER und DANZIG ('29) und der Einer m. Stm. MARIA FÖRSI ('36).

Diese A-Boote zeichnen sich durch eine hohe Robustheit aus, was sich bei Schülern, sprich Anfängern, auszahlen sollte. Lediglich die HESSENLAND musste schon Anfang der 70-er Jahre völlig ramponiert "verschrottet" werden. Dieses Boot wurde aber auch von der Blinden-Studienanstalt benutzt und damit doppelt beansprucht. Im Jahr 1996 kam auch das Ende der DEUTSCHLAND. Wesentliche Holzteile wiesen irreparable Schäden auf und es blieb nichts anderes übrig, als das Boot zu zersägen. Der Bug wurde aufwendig erhalten und ist im Aufenthaltsraum des Bootshauses zu bewundern. Alle anderen A-Boote aus der Gründerzeit sind immer noch im Einsatz. Das beliebteste Boot ist dabei der "Verlobungs-Einer" MARIA FÖRST. Für Hunderte, ja Tausende von Schülerinnen und Schülern bedeutete dieses Boot den Schritt vom sicheren Mannschaftsboot in die Einer, in die Skiffs. Oder es wird als Rettungsboot für Gekenterte genutzt, die es im kalten Lahnwasser kaum noch aushalten können und bibbernd über Bord gezogen werden. Im übrigen soll sich in diesem Boot so manche Freundschaft oder Partnerschaft angebahnt haben.

Auch die beiden Zweier werden heute noch bei der Anfänger-Arbeit in der Ruder-AG eingesetzt, eben weil sie eine Menge aushalten. Natürlich geht damit eine intensive Wartungsarbeit einher, die sich auf Lackerneuerung, Restaurierung und Austausch von Verschleißteilen beziehen. Diese Arbeit lohnt sich aber und wenn nur für erstaunte und bewundernde Kommentare von heute etwa 80. jährigen Ehemaligen, die wie im Herbst 1999 beim 70. Jubiläum des Vereins "ihre" Boote immer noch im Einsatz sehen.

In den 60-er Jahren wurde immer mehr Wert auf exakte Rudertechnik gelegt. Es fanden Wettbewerbe im Stilrudern statt, bei denen es um exakte und synchrone Ruder-Arbeit und Homogenität innerhalb der Bootsbesatzung ging. Dazu waren natürlich bessere, leichtere Boote notwendig und so wurden nach und nach drei Gig-C-Vierer aus Sperrholz (MARBURG ('66), WARTBURG ('67) und THÜRINGEN ('65) angeschafft. Die leichtere Bauweise zog natürlich eine pfleglichere Behandlung nach sich. und so mancher Tritt auf eine Stelle, die für die Füße nicht vorgesehen ist, ließ das Holz bersten und das Boot leicht fluten. Diese C-Vierer sind heute die wichtigsten Boote bei der Anfänger - Ausbildung in der Jahrgangsstufe 11. Im Laufe der Jahre wandelte sich das Rudern von einer Mannschaftssportart hin zur Individualsportart. Die Oberstufenreform, nach der auch Sport und somit Rudern als Prüfungsfach gewählt werden konnte, unterstützte diese Tendenz und folglich wurden die ersten Trainings-Kunststoff-Einer (Skiffs) besorgt. PUCK ('71), NÖCK ('69) und TROLL ('68) aus der Bootswerft Empacher aus Eberbach/Neckar mit einer Länge von acht Metern aber nur einer Breite einer Hüfte (29 cm) machten allen Benutzern sehr schnell klar, dass Rudern neben Technik und Muskelarbeit auch Gleichgewichtsgefühl erfordert. Denn lässt man die Skulls (Ruder) nur einen kurzen Moment los, weil vielleicht ein "Lahn-Krebs" gefangen wurde (ein Skull wird zu tief durch das Wasser geführt), folgt unweigerlich die Kenterung verbunden mit einem ungewollten Bad in der Lahn.

In der Folge kamen drei kleinere Trainings-Skiffs hinzu (SCHÄTZCHEN, RUMPELSTILZCHEN und MÜCKCHEN '76), die für Ruderlnnen unter 60 kg Gewicht abgestimmt sind. Auf den Namen Schätzchen einigte sich die Fachschaft sehr schnell, denn die damalige Schulsportleiterin, Frau Eleonore Peters, schaffte es immer wieder, in Wiesbaden Gelder für die verschiedensten Anschaffungen zu besorgen. Auf die Nachfrage, wer hinter dieser Quelle sitze, erhielt man die Antwort: "Von meinem Schätzchen aus Wiesbaden."

Zum Glück fand die Elisabethschule immer wieder Spender zur Anschaffung neuer Boote. Obenan stehen hier die Ehemaligen, deren damalige Vorsitzende Frau Gretlies Götzky, sehr eng mit dem Bootshaus verbunden war und selbst jahrelang eine Ruder-AG leitete.

Aber auch der Elternhilfe verdankt die Schule sehr viel. So wurden neben einem TRIMMY NIXE ('79) und einem Kunststoffdoppelzweier MAX ('76) die Skiff-Flotte mit dem BOBY ('88) und dem MORITZ ('86) ausgebaut.

Diese Ergänzungen wurden nötig, da Kunststoffboote nur eine begrenzet Haltbarkeit besitzen. Neben einer recht hohen Anfälligkeit (Löcher, Spantenbrüche) wird das Material mit der Zeit brüchig und bekommt feinste Risse, durch die Wasser in den Bootskörper dringt. Dort wird es von dem Stabilisationskörper regelrecht aufgesaugt, mit der Folge, dass das Boot das Drei- bis Vierfache seines Gewichts erreicht.

Der PUCK musste als Folge irreparabler Schäden leider ausgeschlachtet werden. Die anderen Oldtimer werden nur noch von starken Schülern genutzt, weil diese deren gute Wasserlage schätzen.

Die beiden neuesten Skiffs FLASH ('95) und THUNDER gehören bereits zur gelben Serie der Empacher-Boote, die auf sämtlichen internationalen Regatten (Weltmeisterschaften, Olympische Spiele) vom größten Teil der Nation gerudert werden. THUNDER wurde erst im Herbst 1999 getauft.

1996 erhielt der Schulsportleiter und Bootshausverwalter eine Anfrage vom Gießener Ruderverein, ob Interesse an einem intakten Holz-Rennvierer m. Stm. bestünde. Schnell wurde Platz geschaffen, und kurze Zeit später erfolgte die Anlieferung von HERMANN. Da der Name wirklich nicht mehr zeitgemäß erschien, musste in einer Nacht- und Nebelaktion eine Umtaufung vorgenommen werden. LISBETH heißt nun der Vierer, der nur von Könnern auf der schmalen und gewundenen Lahn gerudert werden darf. Der Name soll an einen alten Eisenkahn erinnern, der vor vielen Jahren irgendwo auf der Lahn versenkt wurde und nicht mehr aufgetaucht ist.

Mit der Anschaffung des letzten Skiffs THUNDER wurde eine neue Ära im Bootshaus eingeläutet. Durch eine groß angelegte Spendenkampagne, von der Vorsitzenden des Vereins der Ehemaligen, Frau Mehnert, initiiert, kam so viel Geld herein, dass die Sportfachschaft zwei große Canadier und fünf Kajaks anschaffen konnten. Mit diesen neuen Bootsgattungen wird sich zukünftig das Wassersportangebot enorm erweitern, sowohl im Ruder-Unterricht als auch in der Ruder-AG, die vornehmlich von der Mittelstufe besucht wird. Als nächstes zukünftiges Projekt steht erst einmal kein weiteres Boot an. Es gäbe dafür auch keine zusätzliche Lagermöglichkeit. Anvisiert wird die Anschaffung eines neuen Steges, der notwendig wird, weil der vorhandene altersbedingte Verschleißerscheinungen in den Holzteilen als auch in den Schwimmelementen aufweist. Der neue Steg müsste auch im Winter auf der Lahn belassen werden können, also hochwassertauglich sein. Dieses würde den sehr beschwerlichen Ab- und Aufbau alljährlich ersparen.

Mal sehen, vielleicht taucht ja irgendwo wieder ein "Schätzchen" auf.

Aus: Experiment Nr. 23 (Feb. 2000), S. 50-52