Italien

23.12.2011

Italien-Austausch 2011

tedeschi e italiani

Die Idee zu einer Begegnungs- und Gedenkstättenfahrt nach Saluzzo im Piemont (Italien), die vom 7. bis zum 13. November mit 10 Marburger Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 stattfand, entstand durch die engen und hervorragend aufgearbeiteten historischen Bezüge zwischen Marburg und der Provinz Cuneo, die in den Zweiten Weltkrieg zurückreichen. Im Frühjahr 1943 verschwand in dieser Gegend ein 23 Jahre alter, dort als Besatzer stationierter deutscher Wehrmachtsoffizier namens Rudolf Knallt, der in Marburg geboren war und an der Martin-Luther-Schule sein Abitur abgelegt hatte. Sein Verschwinden blieb jahrzehntelang ungeklärt, bis in den frühen neunziger Jahren ein bekannter Piemonteser Schriftsteller und ehemaliger Widerstandskämpfer, Nuto Revelli, mit der historischen und literarischen Aufarbeitung des Falles begann. Der spannende Fall dieses auch als "guter Deutscher" bekannten Offiziers ist hervorragend geeignet, Schüler exemplarisch in die Geschichte der deutschen Besatzung Italiens im Zweiten Weltkrieg und den italienischen Widerstand einzuführen. Dies geschah während der Austauschfahrt auf Schülerebene zunächst durch die persönliche Begegnung der deutschen Schüler mit ihren gleichaltrigen italienischen Mitschülern und ihre Aufnahme in deren Familien. In einer zu Beginn des Austauschs geführten Diskussionsveranstaltung im Liceo Linguistico Soleri in Saluzzo konnten die Schüler interessante persönliche Erfahrungen ihrer Familien aus dein Zweiten Weltkrieg austauschen.

Der italienische Faschismus, die Problematik der Judendeportationen sowie der italienische Widerstand und die Greuel des Partisanenkrieges bilden zu Recht ein Hauptthema der italienischen historischen Forschung, der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts und des italienischen Oberstufencurriculums. Die entwickelte italienische Erinnerungskultur hat zudem gerade im Piemont ein dichtes Netz von Museen, Gedenkstätten und historischen Instituten entstehen lassen. Während des Austausches konnte deshalb in Turin Museum ,für Deportation und Widerstand (unterstützt durch eine englischsprachige Führung) besucht werden. In diesem 1990 eröffneten Museum konnten die Schüler authentisches Bildmaterial aus Faschismus und Zweitem Weltkrieg in aufwendiger medialer Aufarbeitung erleben. Der Keller des Museums wurde zudem während der alliierten Bombenangriffe auf Turin als Luftschutzkeller genutzt und ist ein besonders beeindruckender und bedrückender Erinnerungsort im Museum.

Eine zweite Exkursion während der Austauschfahrt galt der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Borgo San Dalmazio, in dem im Jahre 1943 aus Frankreich geflohene Juden vor ihrer Deportation nach Auschwitz interniert waren. Die hervorragend ausgestattete Gedenkstätte präsentiert vor allem authentisches Bildmaterial. Während der kompetenten Führung kamen von deutscher und italienischer Schülerseite viele interessierte Nachfragen.

Die eigentliche Gedenkstätte für die jüdischen Deportierten liegt unweit des Lagergebäudes selber im Zentrum der kleinen Ortschaft. Hier sind sämtliche Namen, derer habhaft zu finden war, in Gedenksteine gesetzt. Einige Viehwagen, die als Modell stehen für die für die Deportation von der Reichsbahn benutzten Wagons, markieren den Ort zusätzlich. Sie sind begehbar; ihre Enge und die Primitivität ihrer Holzplanken und Drahtfenster rufen Betroffenheit hervor. Auch hier konnte die uns durch die Gedenkstätte führende Mitarbeiterin durch viele detaillierte Informationen ein lebendiges Bild der historischen Prozesse entstehen lassen.

Ergebnisreich und anregend für eine kritische Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Hintergründen war auch ein Besuch des Instituts zur Geschichte des Widerstandes in Cuneo, in dessen Verlauf uns authentisches Filmmaterial zu Note Revellis Widerstand und seiner Aufarbeitung des Geschehenen (Interviews etc.) im Kinosaal des Instituts präsentiert wurden. Der Direktor des Instituts, Michele Calandri, stand anschließend für Diskussion und eine Führung in das Archiv des Instituts zur Verfügung. In deren Verlauf wurden noch einmal die zahlreichen Verbindungen zwischen Marburg und Cuneo, der italienischen Widerstandsforschung und des Marburger romanistischen Instituts, thematisiert.

Besuche der genannten Gedenkstätten und Diskussionen zum Zeithintergrund bildeten einen Schwerpunkt des Austauschs. Sprachlich wertvoll und motivierend war für die Italienisch lernenden Schüler ferner die Möglichkeit des direkten Sprachkontakts mit ihren Gastfamilien. Historisch-landeskundlich interessant waren zudem die zahlreichen Stadtführungen durch Cuneo, Turin und Saluzzo sowie die Belichtung des Schlosses von Manta (bei Saluzzo), einem Renaissanceschloss und Herrschaftszentrum der Piemonteser Grafen. Italien ist den Schülern m.E. während dieser Fahrt in vielen seiner sprachlichen und historischen Dimensionen deutlich und lebendig geworden. Die Rückmeldungen der Schüler an ihre Lehrer waren zahlreich und ausschließlich äußerst positiv.

J.Göbel

Vgl. Nuto Revelli, Der vesrchwundene Deutsche. Tagebuch einer Spurensuche, München (C.H.Beck) 1996.